"They should probably be charging a 100% premium on their machines"

- schreibt der Angelsachse über den Chipmaschinenhersteller ASML

Tweet: 'They should probably be charging a 100% premium on their machines'

Angelsachsen verstehen nicht

Was wir hier sehen, ist ein tiefer kultureller Graben, der mitten durch den Westen zwischen UK/USA und DACH/NL/Skandinavien verläuft.

Der Angelsachse sieht: "ASML hat einen derartig großen technologischen Vorsprung, die könnten ihre Preise verdoppeln, ohne direkt Konkurrenz zu bekommen"

Genau diese Denkweise führt zu vielen finanziell atemberaubend erfolgreichen Unternehmen, die trotzdem keiner mag: Google, Microsoft, Oracle....

Was der Angelsachse übersieht

Genau diese Denkweise führt zu einer Schwäche in Sektoren, die langes stabiles Commitment mit dauerhaft hoher Forschungsintensität benötigen.

Diese Sektoren werden nicht zufällig von mitteleuropäischen Unternehmen dominiert.

Nehmen wir das Beispiel ASML.

Es ist nicht so, als hätten sie nie Wettbewerb gehabt oder so, als wäre ihr Platz auf dem Thron in Stein gemeißelt.

In der "Frühzeit" der Halbleiterindustrie waren Amis sogar führend (GCA, Silicon-Valley-Group, Perkin-Elmer etc.).

Bis DUV-Nodes (vereinfacht: Maschinen für die zweitneueste Chipgeneration) waren japanische Firmen wie Canon und Nikon (ja, die mit den Kameras) sehr wichtige Wettbewerber.

Bei EUV (neueste Generation) ist ASML alleine. Nicht, weil niederländische Ingenieure klüger wären als kalifornische oder japanische – sondern wegen eines kulturell und strukturell extrem langen Atems.

Partnerschaft statt "Value Extraction"

ASML hat sowohl mit Hauptkunden wie TSMC als auch mit Zulieferern wie Zeiss oder Trumpf ein eher "partnerschaftliches" Verhältnis statt kurzfristig maximale "Value Extraction" zu optimieren, und eine interessante Firmenstruktur:

Das Unternehmen ist "börsennotiert mit Damoklesschwert"

ASML ist offen an der Börse gehandelt und kann damit leicht Kapital beschaffen, ist für aktionistische Investoren aber über ein Stiftungskonstrukt "vergiftet".

Die "Stichting Preferente Aandelen ASML" hat den satzungsgemäßen Auftrag, äußere Einflüsse auf ASML abzuwehren, und eine vertragliche Option, Vorzugsaktien zum Nennwert zu kaufen.

Zeiss: 180 Jahre an der Spitze

Der Zulieferer für die kritischsten Kernkomponenten der Optik wie die Spiegel etc. ist Zeiss. Ein deutsches Unternehmen, das dieses Jahr 180 Jahre alt wird und seit seiner Gründung permanent an der absoluten Spitze der Optiktechnologie steht.

Der Clou? Es gehört seit 1896 komplett einer Stiftung, die auf den Gründer und seinen ersten "CTO" Ernst Abbe zurückgeht.

Mehr Beispiele im "Long Game High Tech"-Bereich

Wir haben mehr solcher Beispiele im "Long Game High Tech"-Bereich:

  • Bosch (Elektro/Automotive, Deutschland)
  • Novo Nordisk (Pharma, Dänemark)
  • Lundbeck (Neuroscience/Pharma, Dänemark)
  • Carlsberg (Brauerei, Dänemark)1
  • Ericsson (Signaltechnik, Schweden)
  • Rolex (Luxusuhren, Schweiz)
  • DNV (Marinetechnik, Norwegen)
  • ...und etliche mehr.

Das Muster: Stiftungen als "tote Hand"

Die Gemeinsamkeit all dieser Firmen ist, dass sie entweder glattweg einer Stiftung gehören oder eine Stiftung als "tote Hand" der Gründer bis in die Gegenwart weiter Kontrollrechte ausübt....

...und dass sie alle aus einem zusammenhängenden Kulturraum stammen, der von der Schweiz bis Schweden reicht, aber ausdrücklich nicht andere westliche Länder wie UK/USA oder auch Frankreich oder Spanien beinhaltet.


  1. Carlsberg ist historisch sehr bedeutsam in der "Verwissenschaftlichung" des Brauereiwesens, untergärige Lagerhefen sind fachsprachlich "Saccharomyces carlsbergensis"